Archiv der Kategorie: Rückblick 2012

Einzugsgebiete – Reutlinger Künstler 2012

 

 

Auch 2012 wird die traditionsreiche Ausstellung, die alle zwei Jahre stattfindet, als Kooperation von Städtischer Galerie und Kunstverein Reutlingen durchgeführt.

 

Teilnahmeberechtigt sind alle Künstler/-innen aus Stadt und Kreis Reutlingen, die entweder durch eine entsprechende Ausbildung oder durch eine umfangreiche und anerkannte Ausstellungstätigkeit ausgewiesen sind.
Pro Künstler können bis zu drei Arbeiten aus den klassischen Gattungen Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Skulptur und Fotografie etc. eingereicht werden, die innerhalb der letzten drei Jahre entstanden sein müssen.
Die Auswahl für die Ausstellung trifft eine 5-köpfige Jury, in der neben je einem Vertreter des Kunstmuseums und des Kunstvereins drei externe Fachleute und Künstler vertreten sind.

 

An der Ausstellung beteiligte Künstler:
Eva Borsdorf / Jan Démoulin / Ralf Ehmann / Henning Eichinger / Martien Elderhorst / Christine Forster / Wolfgang Fritz / Gudrun von Funck / Renate Gaisser / Jochen Görlach / Eckart Hahn / Sybille Hauck / Gudrun Heller-Hoffmann / Mathias Hornung / Volker Illi / Susanne Immer / Friederike Just / Yvonne Kendall / Anne-Christine Klarmann / Doris Knapp / Roswitha Maria Konrad / Christina Liadeli / Rosana Lindenmaier / Sigrid Lokowandt / Peter Magiera / Anna Mansen / Xenia Muscat / Tanja Niederfeld / Friedrich Palmer / Wolfgang Rätz / Esther Rollbühler / Anne Ruoss / Martin G. Schmid / Ulrich Schultheiß / Carsten Springer / Matthias Stephan / Gabriele Straub / Ingrid Swoboda / Brigitte Tharin / Jörg Umrath / Renate Vetter / Markus Wilke / Edeltraud Willjung / Jenny Winter-Stojanovic / Barbara Wünsche-Kehle / Izumi Yanagiya

 

 

 

Oranje – Zeitgenössische Malerei aus den Niederlanden

 

 

Drei ganz unterschiedliche Positionen zeitgenössischer Malerei aus den Niederlanden sind in der Ausstellung „Oranje – Zeitgenössische Malerei aus den Niederlanden“ im Kunstverein Reutligen vertreten.

 

Während sich Bep Scheeren (geb. 1950 in Kerkrade, NL) mit ihren expressiven Portraits auf Spurensuche begibt und Charaktere wie Dominique Strauss-Kahn entlarvt, nähert sich André Dieteren (geb. 1943 in Schinnen, NL) philosophisch den Grenzen zwischen Realität und Abstraktion an.

 

Rik van Iersels (geb. 1961 in Maastricht, NL) fetzenhafte Wortgefechte und malerischen Dialoge spielen sich nicht nur auf der Leinwand ab, auch Alltagsgegenstände macht er zum Medium seiner Comics.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Markus F. Strieder

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine ganze Landschaft aus grob behauenen, roh belassenen Stahlobjekten formiert sich im Ausstellungsraum: Dreidimensionale Spiralen, Kuben, Ringe, Polyeder. Gleichzeitig bildet jedes einzelne raumgreifende Objekt des Bildhauers Markus F. Strieder eine einzigartige Formation an sich, „eine Form, die Gestalt angenommen hat“. Die Ausbildung der individuellen Gebilde ist für den Künstler immer ein Dialog mit dem Material Stahl. Stahl ist ein sensibles Material, sagt er, und vergleicht es mit einem biegsamen Baum.

 

Die Entsprechung mit der Natur drückt sich nicht nur in der archaisch anmutenden Formensprache seiner Objekte aus, sondern auch ganz direkt in der Behandlung der Oberflächen. Rau und unpoliert erinnert der an den Plastiken stehengelassene Abbrand – mal samtigschwarz pulsierend, mal silbrighell glänzend – an die Haptik von Baumrinde. Der Arbeitsprozess als solcher, das Austarieren von Volumen und Räumlichkeit, bis zum Moment der Entstehung der einzelnen Formationen, wird hier für den Betrachter erfahrbar.

 

In den zweidimensionalen Tuschezeichnungen von Markus F. Strieder wiederholt sich der Prozess der Formfindung mit Pinsel und Rakel. Durch das Zusammenspiel luzider Farbschleier und dunkler Pigmentkonzentrationen entwickeln sich aus der Fläche heraus Volumina und Räumlichkeit, die mit den Formationen im Raum in Dialog treten.

 

 

Reinhold Adt / Anja Luithle

 

Im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit von Anja Luithle steht der Mensch. Doch dieser glänzt im Werk der Bildhauerin gemeinhin mit Abwesenheit. Stattdessen entwickelt sie vielmehr eine selbständige Eigenwelt der Dinge, welche wir im alltäglichen Leben und Gebrauch zu beherrschen meinen, die jedoch solipsistisch verspielt und ironisch gebrochen zugleich wirkt. Im so entstehenden ambivalenten Imaginationsraum zwischen einer überindividuell gültigen Poetik des Selbstseins der Sachen und der ihnen immer auch eingeborenen Monstrosität des Materiellen und deren (Ab)Nutzung durch den Menschen im Alltag schicken sich nun die Dinge augenfällig an, den Aufstand zu proben. In die alle möglichen Materialien umfassende Travestie des Gewohnt-Gewöhnlichen bezieht Anja Luithle dabei die einschlägigen Attribute des je Weiblichen und je Männlichen ein: (e)rotierende Roben und aufrührerische Kochtopfensembles, derwischtanzende Staubwedel und kinetische Kehrwocheninstallationen treffen da auf phallisch sich entfaltende und wieder niedlich klein zurückschrumpfende Krawattenmaschinerien; aufsässig still – höchstens geheimnisvoll raunend – verfolgen gar ganze Koffer voller unbekannter Bildideen den Ausstellungsbesucher noch auf Schritt und Tritt durch den Schauraum.

 

 

Reinhold Adt präsentiert Bekenntnisse und Programme von Künstlern, die ihr eigenes Metier und ihre Arbeit zu widerlegen scheinen. Das ist weder satirischer Gag noch bespiegelte Schadenfreude, denn seit hundert Jahren gilt, dass Bedeutung und Ernsthaftigkeit des wissenschaftlichen wie künstlerischen Schaffens nur dadurch nachzuweisen sind, dass man die eigenen Aussagen falsifiziert. Nur Dogmatiker und Fanatiker berufen sich noch auf die Wahrheit. Alle Vernünftigeren beziehen sich auf die unbekannte Wahrheit, indem sie die Feststellung zu treffen versuchen, mein Bild, meine These, meine Selbstrechtfertigungen sind falsch, unzulänglich und mutwillig. Auf diese Feststellung der Falschheit ist Verlass; mehr als solche Verbindlichkeiten können schließlich auch die Beschwörer selbst der absoluten Wahrheit nicht erreichen wollen.

 

 

 

Elly Weiblen

 

 

Unwillkürlich stellen sich vor den neuen Temperamalereien und Pinselzeichnungen von Elly Weiblen – ihren Giardini oder Gärten benannten Arbeiten – naturhafte Anmutungen ein. Hell klingende Lichttöne fein ausdifferenziert und irdene Farbpartien sorgsam gesetzt scheinen dieselben dabei vielfachen Perspektivwechseln geschuldet zu sein: Aus weiterer Entfernung besehen ist da das visuelle Erkunden der Bildgeografien wie aus dem Vogelflug, das unbändig über die Farbwege und Farbenfelder hinweggleitet.

 

Näher schon betrachtet breitet sich – Blatt um Blatt, Blüte um Blüte, auch Gefäss um Gefäss anwachsend – eine freie Zeichenvegetation schier panoramatisch vor uns aus, die die sichtbare Dingwelt und menschliche Figuration organisch miteinzubegreifen vermag. Zuletzt in mikroskopischer Nahsicht vollends in diese Malareale eingetaucht bleibt allerdings nurmehr selbstsinnig materiales Leuchten der auf Leinwänden, Holztafeln und Chinapapieren verwandten Pigmente, die die für sie so charakteristischen Eigendynamiken zu entwickeln wissen.